Ötztaler Radmarathon: Der wohl bekannteste und renommierteste Radmarathon für ambitionierte Rennradfahrer führt über 227 Kilometer Strecke und vier Alpenpässe sowie 5.500 Höhenmeter durch Tirol und Südtirol. Dabei ist der gesamte Kurs für den Verkehr gesperrt, Hubschrauber begleiten die Fahrer über den Tag, und das Rennen wird über 15 Stunden live im Internet übertragen.
Daniel Stefes von der „MANNschaft e.V.“ und der ihn aus dem Westerwald begleitende Mitstreiter Steffen Schmidt (SSV95 Wissen) hatten das Glück, früher im Jahr einen der 4.000 Startplätze zugelost zu bekommen (bei mehr als 22.000 Bewerbern) – die zwei konnten ihr Training also auf diesen Saisonhöhepunkt ausrichten.
Weil der „Ötztaler“ über die vier Alpenpässe Kühtai, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch bis auf knapp 2.500 Meter hinaufführt, ist das Wetter ein sehr entscheidender Faktor, und das war in diesem Jahr perfekt.
Pünktlich um halb sieben in der Früh setzte sich nach einem Kanonen(start)schuss das große Feld in Bewegung, bei angenehmen 12 Grad und trockenen Bedingungen. Die über 30 abfallenden Kilometer nach Oetz sind die gefährlichste Passage beim „Ötztaler“, weil hier alle Fahrer in einem großen Pulk sehr schnell unterwegs sind.
Nachdem dieser Teil unfallfrei überstanden war, ging es in Oetz direkt hinauf in den ersten Anstieg, das Kühtai (2.021 Meter), über 18 Kilometer mit 1.230 Höhenmetern und sieben Prozent im Schnitt. Hier hieß es, den Rhythmus zu finden. Wer in dieser Passage zu viel Energie aufwendet, verliert später am Timmelsjoch viel Zeit. Das Pacing und die regelmäßige Verpflegung sind beim Ötztaler Radmarathon das A und O.
Am Kühtai herrschte eine großartige Atmosphäre mit unzähligen Zuschauern, die alle Fahrer in engem Spalier lautstark anfeuerten.
Nach dem Kühtai folgte die sehr schnelle Abfahrt durch das Sellrain nach Innsbruck, wo Daniel beim Überqueren eines Weidegitters einen kurzen Schreckmoment erleben musste, als beide Trinkflaschen aus ihren Halterungen katapultiert wurden! Glücklicherweise ohne Folgen (auch für nachfolgende Fahrer), waren die Flaschen schnell wieder eingesammelt und es ging zügig weiter. In Innsbruck führte die Strecke mitten durch die Stadt, auch hier gesäumt von hunderten Zuschauern.
Der Brenner ist der zwar mit 37 Kilometern längste, doch zugleich der niedrigste Pass (1.380 Meter, und damit „nur“ 780 Höhenmeter im Anstieg). Auch hier blieben Daniel und Steffen bei ihrem avisierten Tempo und konnten in einer großen Gruppe den Windschatten nutzen.
Nach einer Pause an der Verpflegungsstation und kurzer Abfahrt nach Sterzing stand nach einem kurzen, steilen Stich im Ortsbereich der Jaufenpass an.
Über 1.100 Höhenmeter auf 15 Kilometer bedeuten rund 7,5 Prozent Steigung, die aber sehr gleichmäßig ist und sich damit gut fahren lässt. Nach einer Gesamtfahrzeit von 6,5 Stunden erreichten die Westerwälder Sportler die Passhöhe auf 2.098 Metern. Zur selben Zeit erreichte Jack Burke als Sieger in neuer Rekordzeit bereits das Ziel in Sölden…
Daniel im Ziel!
In St. Leonhard sind über 150 Kilometer und 3.500 Höhenmeter geschafft, aber danach folgt mit dem Timmelsjoch noch der längste Anstieg des Tages: über 28 Kilometer und knapp 1.800 Höhenmeter führt die schmale Straße bis auf 2.480 Meter. Auf den ersten Kilometern zeigte der Tacho über 30 Grad an, und die vielen bereits bewältigten Höhenmeter machten sich nun bemerkbar. Zäh und mühsam führte die Strecke rampenartig bis nach Schönau, einer Verpflegungsstelle auf etwa halber Höhe. Von hier führt das Timmelsjoch über enge Kehren eine steile Bergflanke hinauf zu einem Tunnel und zur Passhöhe.
Nach rund 2:45 Stunden hatte Daniel den Pass erreicht – und eine Nettofahrzeit von unter 10 Stunden im Ziel schien erreichbar! Deshalb stürzte er sich sofort in die Abfahrt und mit Mobilisierung der letzten Kräfte in den fiesen Gegenanstieg von 150 Höhenmetern hinauf zur Mautstation, bevor es die letzten Serpentinen hinab in Richtung Sölden ging.
Nach 9:55 Stunden reiner Fahrzeit und 10:15 Stunden inklusive der Verpflegungspausen erreichte Daniel glücklich das Ziel in Sölden – mehr als 30 Minuten schneller als bei seinen letzten vier Teilnahmen am Ötztaler Radmarathon!
Nach Dusche, Pizza und Belohnungsbier feierten Daniel und sein Kumpel Steffen noch eine Besonderheit beim „Ötztaler“: den Zieleinlauf der letzten Fahrer, rund 13:30 Stunden nach deren Start. Diese werden Jahr für Jahr unter besonders großem Jubel der Zuschauer empfangen und anschließend mit Standing Ovations gefeiert – noch vor der Siegerehrung der schnellsten Fahrer des Tages.
Fotos: sportograf.com
